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Energieschock und Kapitalrotation: Wie resilient ist Ihre Asset Allocation?

von Vincenzo LanaVeröffentlicht am
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Zwischen Inflation und Geopolitik verschieben sich die Kräfteverhältnisse. Ein gut diversifiziertes Portfolio hilft, das Gleichgewicht zu bewahren, wenn sich das Umfeld schneller verändert als unsere Überzeugungen.

von Vincenzo Lana, Investor und wirtschafts-finanzieller Publizist

Bis vergangene Woche war das Marktumfeld ein anderes als heute. Man beobachtete eine ziemlich deutliche Rotation sowohl auf Sektor- als auch auf regionaler Ebene: von Growth-Titeln hin zu stärker zyklischen Werten, von den Vereinigten Staaten in Richtung Europa und Emerging Markets. Das war keine chaotische Bewegung, keine Flucht aus dem Risiko, sondern eine schrittweise Umverteilung nach Jahren starker Konzentration auf den US-Markt und auf die großen Technologieunternehmen.

In diesem Umfeld wirkten die Bewertungen in den USA „angespannt“, Europa schien im Vergleich günstiger, und die Emerging Markets begannen von einem weniger dominanten Dollar und von Erwartungen einer zyklischen Erholung zu profitieren. Dann, binnen weniger Tage, wurde das Umfeld komplizierter. Die Angriffe auf den Iran durch die Vereinigten Staaten und Israel, die Spannungen in der Straße von Hormus und vor allem der Produktionsstopp von LNG in der Anlage von Ras Laffan in Qatar rückten ein Thema wieder in den Mittelpunkt der Debatte, das für Europa stets heikel ist: Energie. Ras Laffan steht nämlich für rund ein Fünftel der globalen Lieferungen von verflüssigtem Erdgas, und ein Ausfall, selbst wenn er nur vorübergehend ist, ist kein Randdetail. Der TTF, der europäische Gas-Index, zog rasch an, während der Brent-Ölpreis die Marke von 100 Dollar je Barrel überschritt.

Für einen Investor mit einem diversifizierten Portfolio ist das nicht bloß eine technische Bewegung bei Rohstoffen, sondern ein Faktor, der auf Unternehmensmargen, Konsum, Wirtschaftswachstum, Geldpolitik und Währungen durchschlagen kann. In der Zwischenzeit zeigte die Inflation im Euroraum bereits vor der Eskalation des Konflikts Anzeichen einer erneuten Beschleunigung: Die vorläufige Februarzahl lag bei 1,9% im Jahresvergleich gegenüber 1,7% im Januar, also über den Erwartungen, und die Kerninflation stieg auf 2,4%. Von einer außer Kontrolle geratenen Dynamik kann keine Rede sein, aber die

Entwicklung verläuft in die entgegengesetzte Richtung zu dem, was sich viele für einen raschen Zyklus von Zinssenkungen durch die EZB erhofft hatten, die anlässlich der Sitzung vom 19. März die Erwartungen unveränderter Zinsen bestätigt hat. Entscheidend ist jedoch nicht die einzelne Sitzung, sondern der Verlauf der kommenden Quartale: Sollte sich die Energie beruhigen, könnte der inflationäre Effekt begrenzt bleiben; sollte die geopolitische Spannung jedoch anhalten, müsste die Zentralbank tatsächlich auf einem schmalen Grat zwischen Wachstumsstützung und dem Risiko balanciern, die Preisdynamik erneut anzuheizen.

Der Euro hat sich von 1,18 auf 1,15 gegenüber dem Dollar abgeschwächt, ein Zeichen für eine höhere Risikowahrnehmung in Europa, während Gold nach einem ersten Impuls einen Teil seiner Gewinne wieder abgegeben hat. Das legt nahe, dass der Markt noch kein Szenario einer strukturellen und anhaltenden Krise einpreist wie nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Für den mittel- bis langfristigen Investor lautet die Frage nicht, ob der Markt in den kommenden Tagen noch weiter fallen wird, sondern ob wir es mit einem vorübergehenden Schock oder mit einem Regimewechsel zu tun haben. Mittelfristig zeichnen sich drei mögliche Verläufe ab. Der erste ist jener, in dem sich die Spannungen legen, die qatarische Produktion schnell wieder anläuft und sich die Energiepreise stabilisieren, sodass die aktuelle Volatilität zu einem begrenzten Ereignis wird; im zweiten Fall bleiben Gas und Öl über einige Quartale hinweg hoch, die Inflation hört auf zu sinken, beschleunigt sich aber nicht dramatisch, und die EZB verschiebt mögliche Zinssenkungen und bleibt abwartend; der dritte Fall ist komplexer, mit über längere Zeit hohen Energiepreisen, schwächerem Wachstum und einer leichten Form der Stagflation, also einem für europäische Aktien problematischeren Szenario. Wir wissen nicht, welcher dieser Verläufe sich durchsetzen wird, doch es ist nicht Aufgabe eines Investors, dies präzise vorherzusagen, sondern ein Portfolio aufzubauen, das alle drei durchstehen kann.

Langfristig bleiben die Anpassungsfähigkeit der Volkswirtschaften an Energieschocks, der Übergang zu alternativen Quellen und die technologische Innovation zentral. Kriege enden, geopolitische Spannungen verändern ihre Form, doch die großen strukturellen Trends wirken weiterhin unter der Oberfläche. In diesem Zusammenhang können einige Anregungen zur Diversifikation hilfreich sein: eine echte geografische Diversifikation und nicht nur eine nominale beibehalten, zyklische und defensive Sektoren ausbalancieren, die Rolle der Währungen für das Gesamtexposure berücksichtigen, Assets einbeziehen, die unterschiedlich auf Inflation reagieren, und übermäßige Konzentrationen auf wenige Mega-Caps nach Jahren der Überperformance vermeiden.

Es geht nicht darum, drastische Schritte zu setzen oder dem jeweiligen Thema des Augenblicks hinterherzulaufen, sondern darum, die gesamte Resilienz der eigenen Asset Allocation zu hinterfragen, und uns daran zu erinnern, dass Volatilität keine Anomalie des Systems ist, sondern ein integraler Bestandteil der Funktionsweise der Märkte. Ein gut diversifiziertes Portfolio dient nicht dazu, Verluste im kurzen Zeitraum zu beseitigen, sondern den Weg langfristig tragfähig zu machen. Heute ist der Lärm größer, die Variablen haben sich vervielfacht und die Unsicherheit ist zurückgekehrt, doch gerade in solchen Momenten wird der Unterschied zwischen emotionaler Reaktion und der Treue zu einer über die Zeit aufgebauten Strategie sichtbar. Der mittlere Zeitraum dürfte wahrscheinlich instabiler sein, als noch vor wenigen Tagen gehofft wurde; der lange Zeithorizont wird weiterhin jene belohnen, die sich anpassen können, mehr als jene, die vorhersagen wollen. Und vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung nicht darin zu erraten, wohin der Brent läuft oder was die EZB tun wird, sondern das Gleichgewicht zu bewahren, wenn sich das Umfeld schneller verändert als unsere Überzeugungen.

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